Rezensionen

Anne-Laure Bondoux und Jean-Claude Mourlevat: Lügen Sie, ich werde Ihnen glauben

21. August 2016

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Was passiert, wenn ein auffallend großer Briefumschlag der Auslöser für eine unheimlich sympathische E-Mail Korrespondenz ist? Und das auch noch zwischen zwei Menschen, die sich bis dato überhaupt nicht kennen und sich demnach eigentlich vollkommen fremd sind. Nun kommt einem eventuell der Gedanke, dass sich daraus wahrscheinlich eine kitschige Liebesgeschichte entwickeln könnte. Wie es eben oft der Fall ist in solchen Büchern. Auf der Rückseite des Schutzumschlages ist sogar von einer Liebesgeschichte der besonderen Art die Rede. Nach dem Lesen bin ich mir aber besonders über eines im Klaren: Das französische Autorenduo scheint von Kitsch nicht viel zu halten und hat mit diesem Roman viel, viel mehr geschaffen!

Wie alles beginnt

Pierre-Marie Sotto ist ein Schriftsteller, dessen letztes Werk allerdings schon wieder eine Weile zurückliegt. Eines Tages liegt ein prall gefüllter Umschlag in seinem Briefkasten. Als Absender ist lediglich eine E-Mail Adresse angegeben. Da er davon ausgeht, dass es sich hierbei um ein Manuskript eines Lesers handelt, öffnet er den Briefumschlag erst gar nicht. Stattdessen informiert er die Absenderin Adeline Parmelan per E-Mail darüber, dass er für das Lesen von Manuskripten nicht zuständig sei. Schließlich sei das nicht seine, sondern die Aufgabe des Verlages.

So nehmen die Dinge ihren Lauf

Auf die Mail von Pierre-Marie folgt noch am selben Tag eine Antwort von Adeline. Zuerst ist die Stimmung zwischen den beiden recht förmlich. Kein Wunder. Schließlich kennen sie sich nicht persönlich. Diese Förmlichkeit verwandelt sich jedoch mehr und mehr ins Gegenteil. Gedanken werden ausgetauscht, private Fragen gestellt und so gewähren sie sich einen immer größeren Einblick in ihr jeweiliges Leben. Es hat nicht viele Seiten gebraucht bis ich mich dem Sog nicht mehr entziehen konnte. Der Wortwechsel zwischen den beiden entfaltet sofort eine ganz eigene Kraft. Die Charaktere sind alle nicht auf den Mund gefallen. Genau, ich schreibe ganz bewusst „alle“. Neben Pierre-Marie und Adeline drängeln sich nach einer gewissen Zeit nämlich noch weitere Personen in den Vordergrund. Auch sie wollen ihren Senf dazu abgeben oder Teil der Geschichte sein, was ihnen mehr oder weniger gelingt.

Die doppelte Ladung Charme und Humor

Zwei Autoren schreiben gemeinsam ein Buch. Kann das gut gehen? In diesem Fall ist es definitiv geglückt. Nicht nur das. Ich denke, dass es der Geschichte sogar richtig gut getan hat und sie zu dem gemacht hat, was sie ist. Durchweg charmant, manchmal herrlich komisch und überaus herzlich. Das Autorenduo hat sich hier wunderbar ergänzt. Dadurch wurden die Menschen in diesem Buch besonders differenziert und klar dargestellt. Jeder hat seine eigene Stimme, die im Verlauf der Handlung deutlich zum Vorschein kommt.

Schlagfertigkeit trifft auf Geheimnisse

Wie die einzelnen Charaktere mit schlagfertigen Sätzen um sich werfen und auf gewisse Fragen kontern, hat mich, ehrlich gesagt ziemlich unerwartet, an die Seiten gefesselt. Ich weiß nicht womit ich bei einem Buch mit Herzchen auf dem Cover gerechnet habe, aber das was hier passiert war es jedenfalls nicht. Wie der zunächst sachliche Kontakt zwischen Pierre-Marie und Adeline innerhalb kürzester Zeit in einen offenen und ehrlichen Dialog mündet war ungemein faszinierend zu beobachten. Faszinierend vor allem, weil man als Leser spürt, dass trotz der unverkennbaren Ehrlichkeit einige Dinge verheimlicht und im Gespräch eindeutig umgangen werden. Das sorgt für eine ordentliche Spannung, die bis kurz vor Schuss nicht abreißt.

Auf den Punkt gebracht

Vielleicht ist es wirklich der Anfang einer großen Liebesgeschichte. So ganz sicher kann man sich da nicht sein. Und ich will auch nicht zu viel verraten. Auf jeden Fall ist es aber eine Geschichte, die sichergestellt hat, dass ich gar nicht mehr aufhören wollte zu lesen. Noch eine Seite. Und noch eine Seite. Nur ganz kurz. Und immer so weiter. Hat man eine E-Mail gelesen, muss man wissen wie es weitergeht, wie die Antwort darauf ausfällt. Am Ende habe ich das Buch mit gemischten Gefühlen zur Seite gelegt. Einerseits glücklich, dass ich ein so großartiges Buch lesen durfte. Andererseits traurig, weil ich dem Wortwechsel gerne noch ewig hätte folgen können.

Lügen Sie, ich werde Ihnen glauben – Anne-Laure Bondoux – Jean-Claude Mourlevat
Deuticke Verlag – 288 Seiten – ISBN: 978-3-552-06325-9

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4 Comments

  • Reply Lotta 24. August 2016 at 6:52

    Uhaaaa Juliana,
    ich muss dieses Buch lesen. Ich weiß, dass es schon länger bei uns im Leseexemplarregal steht, habe dem aber bisher nicht besonders viel Beachtung geschenkt. Irgendwie hat mich der Titel nicht packen können. Ich dachte, dass das ein psych. Buch wäre und keine Liebesgeschichte. Verrückt. Oh Gott. Ich brauche es. 😀 Ich liebe solche Bücher. ^^

    Liebst, Lotta

    • Reply Juliana 24. August 2016 at 14:07

      Und ich kann dir bestätigen: Ich denke, dass es genau was für dich sein könnte! 🙂 Lies es unbedingt!
      Mir ging es da eigentlich wie dir. Deswegen habe ich es auch erstmal nicht groß beachtet. Gut, dass ich es doch versucht habe. Meine Mutter hat es gleich nach mir gelesen und war ebenso begeistert!

      Viele liebe Grüße
      Juliana

  • Reply Tatze 25. August 2016 at 13:51

    Hey Juliana 🙂

    das klingt ja wirklich gut. Ich hätte allein vom Titel her eine ganz andere Geschichte erwartet. Danke für deine tolle Rezension. 🙂

    Liebste Grüße,
    Tati

    • Reply Juliana 30. August 2016 at 22:09

      Freut mich natürlich, dass dir die Rezension gefallen hat 🙂 das Buch bietet wirklich viel mehr als man erwartet! Lohnt sich sehr!

      Liebste Grüße
      Juliana

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