Rezensionen

Barbara Vine: Kindes Kind

17. Mai 2016

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Grace und ihren Bruder Andrew verbindet ein inniges Verhältnis. Als die Großmutter stirbt und ihnen überraschend ein Haus vererbt beschließen sie daher relativ zeitnah dort zusammen einzuziehen. Anfangs verläuft alles gut und problemlos. Sie kommen gut miteinander zurecht, können sich aufeinander verlassen und Vertrauen sich gegenseitig. Allerdings bekommt diese Vertrauensbasis eines Tages erste Risse. Grund hierfür ist der neue Freund von Andrew, der von nun an viel Zeit bei ihnen Zuhause verbringt und sich Grace gegenüber merkwürdig verhält. Währenddessen versucht sie sich, bedingt durch ihr Studium, literarisch mit zwei schwierigen Themen auseinanderzusetzen. Auf der einen Seite ist das die Stellung von alleinerziehenden Frauen in der Gesellschaft. Auf der anderen Seite sind es aber auch Schwierigkeiten, die früher häufig mit Homosexualität verbunden waren.  Im Zuge ihrer Recherche stößt sie in einem Werk, das den Titel Kindes Kind trägt, auf ein Geschwisterpaar, das mit eben diesen gesellschaftlich kritischen Themen zu kämpfen hat.

Die Beschreibungen der damaligen Umstände waren für mein Empfinden eher nüchtern gehalten. Trotz teilweise fehlender Emotionen war es dennoch erschreckend zu lesen wie ein Leben, das von bekannten Normen abweicht, sofort verurteilt wurde. Das ist auch heute noch viel zu oft der Fall. Damals war es aber beispielsweise nahezu undenkbar als unverheiratete Frau ein Kind zu erwarten. Von Nachbarn und anderen Dorfbewohnern wurde das nicht gerade selten mit Missachtung und Ausgrenzung gestraft. Gleiches gilt für menschenunwürdige Beschimpfungen oder gar schlimmere Erniedrigungen in Sachen Homosexualität.

Bevor ich jedoch zu sehr auf die Handlung selbst eingehe, möchte ich erklären wie das Buch auf nicht gewirkt hat bzw. wie ich den Schreibstil der Autorin wahrgenommen habe. Die Geschichte beginnt wie oben erwähnt in der Gegenwart. Ab einem gewissen Punkt kommt ein Cut und es wechselt zur Handlung von Kindes Kind, welches von Grace gelesen wird. Aus irgendeinem Grund bin ich zuvor davon ausgegangen, dass es zugunsten der Spannung einen regelmäßigen Wechsel gibt. Dementsprechend war ich sehr überrascht, dass erst kurz vor Schluss wieder zur Anfangshandlung zurückgesprungen wurde. Das fand ich ganz schön ungewöhnlich und sogar ein wenig störend.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Geschichte für mein Verständnis relativ früh den Faden zu verlieren scheint. Mir ist bis jetzt noch nicht klar, worauf das Ganze hinauslaufen sollte oder ob die Autorin dem Leser überhaupt eine konkrete Botschaft übermitteln wollte. Folglich steht hier wahrscheinlich hauptsächlich die Konfrontation mit kontroversen Konstellationen und Lebenssituationen im Mittelpunkt. Der sich anbahnende Konflikt zwischen Bruder und Schwester, sprich Grace und Andrew, kam mir hingegen viel zu kurz, sodass ich ein bisschen das Gefühl hatte, dass Barbara Vine selbst nicht wirklich wusste wie sie es beenden oder besser lösen soll.

Vielleicht ist mir während des Lesens aber auch ein entscheidender Hinweis entgangen oder ich habe die zentrale Botschaft nicht erkannt. Daher würde mich brennend interessieren, ob ihr das Buch bereits gelesen habt und vor allem wie ihr es fandet. 

Kindes Kind – Barbara Vine – Diogenes Verlag – 368 Seiten

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