Rezensionen

Martin Krist: Märchenwald

5. September 2016

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Zwei Kinder, die von ihrer Mutter innerhalb von Sekunden in die Abstellkammer verfrachtet werden, weil sie sich dort verstecken sollen. Dass sich ihre erste Unsicherheit schnell in große Angst verwandelt als ihre Mutter nicht wieder auftaucht, ist nicht weiter überraschend. Auf diese Szene folgt der Wechsel zu einer Frau, die plötzlich unter einer Brücke aufwacht und sich nicht erinnern kann, wie sie dort gelandet ist. Was ist mit ihr passiert und von wem stammt das Blut, das an ihrer Kleidung klebt?

Ergänzt werden diese beiden parallel verlaufenden Handlungen durch einen rätselhaften Einbruch in einem Friseursalon, der nicht mit der Entwendung wertvoller Gegenstände, sondern mit dem Tod endet. Und als wäre das nicht schon genug, wird noch ein Mann tot in seiner Wohnung gefunden, der beim Kochen Menschenfleisch zu bevorzugen scheint. Die Umstände sind jedoch nicht eindeutig, sondern werfen vielmehr Fragen auf, die es in sich haben. Genau an dieser Stelle kommt dann auch der Ermittler Kalkbrenner ins Spiel. Im Privaten ein ziemlich stolzer Vater einer mittlerweile erwachsenen Tochter und Hundebesitzer. In dem Augenblick aber auf der rastlosen Suche nach skrupellosen Tätern und Antworten.

Während dem Lesen der ersten Seiten wird eines sofort klar. Nämlich die Tatsache, dass Martin Krist sich wieder von seiner bösesten Seite zeigt. Bisher kenne ich nur den Titel Drecksspiel von ihm. Mit seiner geradlinigen Art, den komplexen Fällen und der daraus resultierenden spannenden Handlung konnte er gleich bei mir punkten. Auch im Märchenwald strahlen die beschriebenen Situationen eine eher düstere und vor allem knallharte Attitüde aus. Zurückhaltung oder vorsichtige Andeutungen? Gibt es hier nicht. Wer damit umgehen kann, ist bei Krist an der richtigen Adresse.

Wie die beiden Kinder, die ich anfangs erwähnte, sich verängstigt auf die Suche nach ihrer Mutter machen, erinnert natürlich stark an Hänsel und Gretel. Dass das beabsichtigt war, ist ebenfalls klar. Die Idee mit dem Märchen, welches zum Alptraum wird, ist vermutlich nicht neu. Und dennoch ist es ihm gelungen das Ganze in die reale Welt zu transportieren und dort mit grausamen, schonungslosen Kriminalfällen in Zusammenhang zu bringen.

Ich muss zugeben, dass mir trotz der positiven Gesichtspunkte etwas gefehlt hat, das ich nicht richtig benennen kann. Ein richtig guter Thriller muss für mich inzwischen wesentlich mehr besitzen als einen netten Ermittler und eine gute Grundidee. Darüber hinaus ist Kalkbrenner zwar ein cooler Typ, hat auf mich aber zweitweise zu blass gewirkt. So habe ich zwar gerne das Geschehen verfolgt, blieb dabei aber eher Außenstehende und hatte nicht das Gefühl mittendrin zu sein. Hinzukommt, dass das Ende relativ abrupt daher kommt und mir zu schnell abgehandelt wurde. Das hat die anfängliche Freude dann doch ein bisschen abgemildert.

Schlussendlich lässt sich festhalten, dass ich nach dem Lesen einerseits unentschlossen bin, weil der Funke nicht ganz überspringen wollte. Andererseits möchte ich Martin Krist aber unbedingt weiterempfehlen, da ich sein Können in Sachen Spannungsliteratur durch Drecksspiel bereits zu schätzen weiß. Mit Märchenwald hat er einen durchaus soliden Thriller abgeliefert, der es in diesem Fall aber nicht geschafft hat, sich von anderen deutlich abzuheben. Die Sprünge zwischen den verschiedenen Handlungen sorgen dennoch für genügend Abwechslung und auch wenn es Band 5 aus der Reihe rundum Paul Kalkbrenner ist, ist es bestens als Einstieg geeignet! Den Namen Martin Krist darf man sich als Krimileser auf jeden Fall merken!

Märchenwald – Martin Krist – Ullstein Buchverlage – 416 Seiten – ISBN: 9783548287645

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